Kritik: Doctor Strange (2016)

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Doctor Strange. Foto: Disney

Doctor Strange

Doctor Strange (R: Scott Derrickson, USA 2016)

Ampel - Grün

Dormammu, I’ve come to bargain!
(Dr. Stephen Strange)

Inhalt: Stephen Strange hat alles, was er sich wünscht: Er ist wohlhabend, ein weltweit renommierter Chirurg, der seine Fälle nach Belieben wählen kann, der mit schnellem Verstand und noch schnellerem Fingern gesegnet ist. Ein leichtsinniger Autounfall ändert dies nachhaltig. Unfähig seine Hände mit altem Geschick zu nutzen verliert er zunächst seinen Job, dann seinen Reichtum und schließlich sein Selbstbewusstsein – kurzum, er steht am Abgrund. Verzweifelt folgt er einem leisem Ruf, einer schwachen Hoffnung, am anderen Ende der Welt doch noch Heilung zu finden. Und dort öffnet sich ihm eine neue Welt. Eine neue Welt, die aber bedroht wird, durch einen abtrünnigen Schüler, der mittels eines verbotenen Rituals zerstörerische Kräfte heraufbeschwören möchte. Und die alles und jeden ins Verderben stürzen.

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Rezension: Der Filmemacher muss permanent zwischen sich ausschließenden Entscheidungen wählen: Spannung vs. Überraschung; Konvention vs. Innovation; Komik vs. Dramatik – Regisseur Scott Derrickson entschied sich häufiger für die Komik. Witze über WLAN-Passwörter in alten Tempeln und ihre Besitzer liebkosende Mäntel erzeugen zwar kurze Schmunzler, sie sorgen aber für kleine Risse in der Diegese. Doctor Strange platziert seinen Humor zwar die meiste Zeit gekonnt – und weiß Gott man kann dem Film sicherlich keine fehlende oder vollkommen deplatzierte Komik vorwerfen -, die Frage bleibt aber im Raume, wie viel mehr an dramatischem Potential möglich gewesen wäre, hätte man sich für eine größere Ernsthaftigkeit entschieden.

Die Story hätte diese definitiv hergegeben! Wie der Film es selber durch seine Protagonisten beschreiben lässt, die Avengers mögen die Erde gegen physische Bedrohungen verteidigen, Doctor Strange muss aber gegen etwas anderes vorgehen. Muskelkraft oder ausgepfeilte Technologie vermag gegen einen Feind wie Dormammus  nichts auszurichten – und die vom ihm ausgehende Gefahr ist weitaus bedrohlicher als eine einfache Alieninvasion oder gar Apokalypse. Es droht nicht nur die Zerstörung, sondern die vollkommene Verdammnis der Erde und all ihrer Bewohner.

Und doch balanciert Benedict Cumberbatch zwischen beiden Elementen. Robert Downey Jr.´s Iron Man steht Stephen Strange weder in Arroganz noch in Charisma nach, er trägt den Film hervorragend und lässt den außergewöhnlich hochwertigen Cast, u.a. mit den brillanten Mads Mikkelsen und Tilda Swinton, im Schatten seines roten Mantels verschwinden. An dieser Stelle vermag Marvels Cinematic Universe ohnehin generell zu punkten: Aus einer filmtechnischen Sicht wird permanent tadellose Arbeit geliefert, begnadete Schauspieler drücken sich hier reihenweise die Klinke in die Hand – und optisch bewegen sich ohnehin alle Disney-Filme auf allerhöchstem Niveau.

Hier kommt aber noch ein wenig mehr hinzu. Das filmische Universum der Superhelden aus dem Hause Marvel bevölkert seit beinahe einem Jahrzehnt mit zunehmender Frequenz die Kinoleinwände. Gewisse Inflations- und Abnutzungseffekte lassen sich kaum bestreiten. Bei den ganzen Ant-Mans, Iron Man und Thors täuschen immer häufiger ein charismatischer Darsteller und/oder das volle Spektrum der visuellen Bandbreite über die generisch erstellten und wenig einfallsreichen – um nicht schlicht und ergreifend schlecht zu sagen – Geschichten hinweg. Jeder einzelne Superheld, mit Ausnahme der im neuesten Captain America auftauchenden Spiderman und Black Panther, scheint eine eigene Origin-Story zu besitzen. Und diese fühlen sich einfach verdammt ähnlich an.

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Auch Doctor Strange besitzt diese herausragende Optik. Auch Doctor Strange erzählt die Entstehungsgeschichte eines Helden. Aber Doctor Strange fühlt sich anders an. Die Bilder – die teilweise eindeutig aus Nolans Inception entlehnt wurden – scheinen nicht nur auf Hochglanz getrimmt, nicht nur täuschende und manipulierende Plattitüde, sondern sie besitzen Inhalt. Charakter. Eine gewisse Experimentierfreude, die mit wenig Fantasie an die Beginne des Kinos, zeitweise an die Zeit des Surrealismus erinnert. Und auch die Origin-Story ist anders, fühlt sich erfrischend an.

Doctor Stephen Strange ist kein Außenseiter der nur eine Chance braucht um seinen verborgenen Heldenseiten auszuleben. Kein arroganter und verwöhnter Playboy. Doctor Stephen Strange ist bereits ein irdischer Held, der Beste der Besten auf seinem Fachgebiet, ein brillanter Chirurg mit dem vollen Bewusstsein um seine herausragenden Fähigkeiten, um sein eigenes Genie und die Kunstfertigkeit seiner Finger. Die Exposition charakterisiert diese alltägliche Seite nicht nur locker, sie führt auch subtil die Beziehungen des Protagonisten zu seinen Mitmenschen – die zu einer noch schärferen Zeichnung seines Charakters führen – aus. Hier stimmt insbesondere die Chemie zwischen Rachel McAdams und Cumberbatch. Der arrogante und kalte Fels erhält ein warmherziges Gegenstück, das aber keinesfalls auf eine schwache Frauenfigur oder ein bloßes Love-interest reduziert wird. McAdams wird vermutlich in den kommenden Filmen noch deutlich stärker zu einem Anker des Alltags für das Publikum werden, als ein Fixpunkt inmitten von abstrusen Dimensions-Konstrukten und Multiversen. Und, zumindest was diesen Film angeht, sie bringt einen perfekt platzierten Humor mit ein.

Tatsächlich originell ist der Film zwar nicht, auch er orientiert sich sehr stark an Schema F des Superheldenkinos und ist eine erneute Umsetzung der klassischen Heldenreise. Aber er erweitert die Genrekonventionen um interessante Aspekte. Auch wenn er seine Moral hin und wieder überdeutlich verkauft – eine Kindheitskrankheit des Marvel Universums – so hat er doch zum Nachdenken anregende philosophische und metaphysische Gedanken in sich, insbesondere sein Spiel mit den Naturgesetzen, mit Multiversen und der Zeit als Faktor ist faszinierend. Mit dem Resultat, dass der rationale und analytische Verstand durchaus sieht, wie und wann der Held dem Ruf widersteht, dann doch die erste Schwelle überschreitet und sich verschiedenen Prüfungen stellt, ehe er in die tiefste Höhle verdringt, unweigerlich aber die rechte Gehirnhälfte in den Vordergrund rückt und eine spezielle Emotionalität weckt – es fühlt sich schlicht und ergreifend anders, besser an, als der sonstige Superhelden-Einheitsbrei.

Und so hat Derrickson nicht nur ein feines Gespür für subtile Symbolik und Foreshadowing bewiesen, er findet die meiste Zeit auch die richtige Balance. Zwar reicht Doctor Strange weder an die Dramatik und die inneren moralischen Konflikte von Captain America: Civil War noch an die genussvolle Lockerheit der Guardians of the Galaxy heran und doch ist er eine überaus gelungene Symbiose und einer der bis dato besten Filme des MCU – bei dem sich ausnahmsweise sogar der 3D-Aufschlag lohnt.

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Wenn man denn das Haar in der Suppe suchen wollen würde, so wäre es lediglich etwas leichtfertig vergeudetes Potential. Die Möglichkeit, sich entschieden vom üblichen Superheldenkino abzugrenzen wurde bewusst vergeben. Hier spielt der bereits erwähnte – und für Marvel und Disney übliche – FSK-12 Humor, der ein wenig platt daherkommt, mit hinein. Hier spielt aber vor allem der aktive Antagonist eine große Rolle. Mads Mikkelsen, der einmal mehr eine schauspielerische Glanzleistung abliefert, erhält leider nicht die Zeit und Tiefe, die ihm zustände. Die Gemeinsamkeiten zwischem ihm und Strange, sein Fall ebenso wie der Konflikt zwischen seinen moralischen Motiven und amoralischen Taten kommt zu kurz. Auch Stranges Weg ist etwas zu geradlinig, zu einfach. Seine Figur muss am Abgrund wandeln, von der Dunkelheit kosten und verführt werden, vielleicht sogar eine Allianz mit seinem Feind, den Verrat an seinem neuen Verbündeten erwägen. Kippt die Waagschale zu Gunsten der Dramatik, streut ein wenig Anarchie und Zerstörungslust, eine fragwürdigere – und zu hinterfragen lohnende – Ethik mit ein, eine konsequente Umkehrung der Norm, wie sie im Finale stattfand als durch die sich unendlich wiederholende Niederlage erst ein Sieg möglich wurde, über die gesamte Spieldauer des Films hinweg, so entfernt man sich zwar von den Gewohnheiten des Stammpublikums, aus filmischer Perspektive gewinnt man aber unendlich viel mehr. Es sind diese letzten ein, zwei Prozent, die ohne jeden Zweifel ein gewisses Risiko darstellen, die aber den Unterschied zwischen einem sehr guten Unterhaltungsfilm – denn das ist Doctor Strange – und einem tatsächlich großem Film ausmachen. Doctor Strange hielt die passenden Karten auf der Hand; er spielte sie aber in der wenig risikofreudigen, in der sicheren Variante aus. Das ist sicherlich nicht zwangsläufig etwas schlechtes, doch ein kleines, fragendes aber was wäre wenn bleibt übrig.

Fazit: Doctor Strange erfindet das Superheldenkino nicht neu, erzählt er doch eigentlich die altbekannte Geschichte der Heldwerdung seines Protagonisten und dessen Kampf gegen einen absoluten Tyrannen. Diese Geschichte fühlt sich aber anders und neu an! Doctor Strange zeigt nicht nur faszinierende Bilder, er nutzt sie vor allem um die alte Geschichte zu variieren, um tatsächlich etwas zu erzählen, was sich abseits der sonstigen Konventionen bewegt – oder sich zumindest so anfühlt. Sehr gut gezeichnete Figuren, eingewoben in spannende Geschichte mit einigen interessanten metaphysischen Aspekten machen Doctor Strange zu einem der Höhepunkte des MCU.

7,5/10

Anmerkung: Der Film besitzt zwei Post-Credit-Scenes – es lohnt sich also auch, bis nach Ende des zweiten, finalen Abspanns sitzen zu bleiben.

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Doctor Strange

Jahr: 2016
Laufzeit: 115
FSK: 12

Regie: Scott Derickson
Drehbuch: John Spaits, Scott Derrickson, C. Robert Cargill
Cast: u.a. Benedict Cumberbatch, Rachel McAdams, Tilda Swinton, Mads Mikkelsen, Chiwetel Ejiofor

auf
IMDB
Moviepilot
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4 Antworten zu “Kritik: Doctor Strange (2016)

  1. Pingback: Media Monday #280 | Mighty-Movies·

    • wir scheinen tatsächlich fast das gleiche im Film, nur dieses anders bewertet bzw. gewichtet zu haben 😀
      was war´s denn bei dir in Punkten/Noten/Sonst eine Skala ausgedrückt?

      Gefällt mir

  2. Pingback: Kritik: Rogue One (2016) | xsehu films·

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