Von Serien Teil III: Die Schattenseite seriellen Erzählens

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The Neighbors

Von Serien III: Die Schattenseite seriellen Erzählens

„Ich habe das Gefühl, ich brauche noch sechs oder sieben weitere Staffeln, ich meine Jahre, bevor ich alles verstanden habe.“
„Vier wären auch schon toll.“
(Larry Bird und Debbie Weavers, The Neighbors Staffel 1 Folge 22)

The Neighbors , eine kurzweilige und belanglose Sitcom mit immer wieder schön eingearbeiteten Meta-Referenzen trifft die Problematik des seriellen Erzählens in aller Kürze auf den Kopf: die künstlerische Konsequenz aus mangelndem Erfolg.  Es stimmt, dass TV-Shows eine höhere Unabhängigkeit genießen und dass die narrativen Möglichkeiten um ein Vielfaches höher sind, als bei Kinofilmen. Das gilt aber nur so lange das Publikum mitmacht. Dieses wird zum Züglein an der Waage.

Zunächst einmal, es gibt kein Genre, kein Thema und keine Stilistik, für die sich keine Fans finden. Trash-Filme wie Sharknado scharen eine riesige Fangemeinde um sich, Filme wie The Human Centipede oder A Serbian Movie verfügen trotz – oder Dank – gewalttätiger Perversionen eine außergewöhnlich hohe Popularität, es haben sich äußerst spezielle Subgenres wie der Rape & Revenge Movie oder der Torture Porn herausgebildet und sogar Snuff-Filme, also Filme die die Ermordung eines Menschens zeigen, lassen sich in den endlosen Weiten des Internets zu Hauf finden.

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FlashForward

Fans zu finden ist nicht das Problem, genug von ihnen aufzustöbern und diese auch zu halten, ist weitaus problematischer. Häufig startet eine Staffel mit hohen Einschaltquoten beimPiloten, die aber stetig sinken, wenn das Publikumdas Interesse verliert. Flash Forward war eine von ihnen. Der Mysterie-Thriller über einen globalen Blackout verlor nach gutem Start zügig das Publikumsinteresse und die mit Cliffhangar geendete erste Staffel erhielt keine Fortsetzung – und so endet die komplette Serie sehr unbefriedigend mit einem wortwörtlichen Sprung aus dem Fenster.

Möglicherweise als Reaktion hierauf hat sich die durchschnittliche Staffellänge einer fortlaufend erzählten TV-Show von vormals 20-25 Folgen á 42 Minuten auf etwa 10-13 Episoden mit ca. 50 Minuten verkürzt. Diese Zeitspanne scheint ziemlich nah am Optimum für moderne Sehgewohnheiten zu sein, da sie weiterhin eine große Tiefe zulässt, aber zugleich eine konsequent fortschreitende Erzählweise ohne viel Leerlauf fordert.
Auffallend ist aber auch, dass insbesondere die erste Staffel oft einen noch einmal weiter verkürzten Testlauf darstellt, der das Publikumsinteresse abklopft. Breaking Bad startete beispielsweise mit sieben Episoden, die folgenden Staffeln – von der geteilten letzten Staffel abgesehen – hatten jeweils 13 Folgen. Bei The Walking Dead verdreifachte sich die Episodenzahl sogar beinahe von lediglich sechs Episoden in Staffel eins auf 16 ab Staffel drei.

Amazon treibt diese Entwicklung bei ihren Eigenproduktionen noch einmal voran – zelebriert sie sogar – in dem ein produzierter Pilottitel dem Publikum vorgestellt wird und dessen Bewertung entscheidet über eine weitere Produktion. Ein demokratisches Konzept, das aber zugleich den Serienstoff zwingt, unmittelbar in weniger als einer Stunde zu funktionieren.

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Firefly

Dem Zuschauer wird die beinahe absolute Deutungshoheit über Erfolg und Nicht-Erfolg zugestanden. Das Problem dabei ist aber: es ist unberechenbar und weiß oft selber nicht, was er will. Insbesondere dem Faktor Hype kann gar nicht zu wenig Bedeutung zugeschrieben werden. Joss Wheedons Firefly etwa wurde wegen geringer Quoten nach nur einer Staffel abgesetzt. Heute gilt sie als eine der besten Sci-Fi-Serien aller Zeiten. Sehr gute DVD-Verkaufszahlen und die Kultbildung um die Crew der Serenity konnten zwar die Serie nicht wiederbeleben, verschafften Firefly aber zumindest einen filmischen Abschluss der Handlung.

Wegen seiner Unberechenbarkeit wird der Zuschauer zum Damoklesschwert des seriellen Erzählers. Der Regisseur und Drehbuchautor des Films hat nach Ende der Postproduktion seine Geschichte auserzählt – nur die wenigsten Filme enden abrupt inmitten der Handlung. Einspielergebnisse haben Einfluss auf mögliche Fortsetzungen und Budgets anderer Projekte, aus künstlerischer Perspektive aber sind sie irrelevant. Der serielle Erzähler hingegen droht das Papier seiner Schreibmaschine mitten im Absatz gezogen zu bekommen. Man stelle sich vor, Oceanic Flight 815 stürze nur auf der Insel ab und die Handlung ende hier. Oder Dexter tritt nur gegen den Kühllaster-Killer an. Oder Robb Stark zieht niemals gen Süden.

Eine äußerst frustrierende Situation für Produktionsteam und die vorhandene Fangemeinde, die natürlich umschifft werden will. Daher kommt es vermehrt zu zwei Strategien: die abgeschlossene Handlung und das halb offene Ende. True Detectives erste Staffel zeigt einen speziellen Mordfall mit zwei Ermittlern in den Hauptrollen, die in der zweiten Staffel ersetzt werden, um einen anderen Fall aufzuklären. Beide Staffeln hängen nicht inhaltlich, sondern nur formal zusammen. Diese Vorgehensweise findet sich bei sogenannten Anthologie-Serien nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Radio wieder. Recht ähnlich ging auch das britische Teenager-Drama Skins vor, das alle zwei Staffeln seinen kompletten Cast austauschte und es so insgesamt drei Generationen gab – allerdings wurden hier auch mit veränderten Figuren noch inhaltliche Bezüge zu vorangegangenen Staffeln hergestellt.

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Stranger Things

Die zweite Strategie ist weniger konsequent: das halb-offene Ende. Die Handlung einer Staffel ist abgeschlossen, es werden aber genug Andeutungen eingeflochten, um eine Fortsetzung zu rechtfertigen – so geschehen beim aktuellen Netflix-Erfolg Stranger Things . Das Verschwinden von Will Byers wird zwar ausreichend aufgeklärt, aber es gehen immer noch genug merkwürdige Dinge für eine zweite Staffel vor.

Die Schwierigkeit beim seriellen Erzählen ist also die Publikumsbindung. Für diese ist nicht nur der Inhalt der Story wichtig, sondern vor allem, wie dieser erzählt wird. Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts tendieren zu mehr Informationen in kürzerer Zeit – ein Grund für verkürzte Staffellängen. Diese haben aber auch finanzielle Ursachen. So werden die Produktionskosten für den alles andere als unwahrscheinlichen Fall eines Scheiterns der Pilotstaffel reduziert und die erste Staffel gleicht einer Art Testlauf. Um aus narrativer Sicht eine totale Enttäuschung zu verhindern, werden mehr oder weniger abgeschlossene Staffel-Handlungen präsentiert – und je nach Erfolg mit weiteren Erzählungen angeknüpft.

Bei Sitcoms und anderen episodischen Serien wiegt dieses Problem weniger schwer. Und doch ist es immer schade, einen vorzeitigen und unvollendeten Abschied zu sehen. The Neigbors bekam nicht die gewünschten sechs oder sieben Staffeln, nicht einmal zu vier kam es. Bereits nach zwei Staffeln war Schluss mit den Vorstadt-Aliens – und ein flaues Was-wäre-wenn-Gefühl bleibt zurück.

< Von Serien III – Von Serien IV >

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2 Antworten zu “Von Serien Teil III: Die Schattenseite seriellen Erzählens

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